Das unwirkliche San Gimignano

Durch die Toskana bin ich bisher zweimal gereist. Es ist wohl gar nicht möglich, dass ich mich nicht in diese wunderschöne Landschaft verliebe, voller mittelalterlicher Städte. Ja, manche Gegenden sind schon furchtbar teuer und von Touristen zahlreich besucht, aber im Laufe einiger Tage begriff ich, dass so viele schöne Orte in keinen Reiseführer passen. Alle paar Kilometer stieß ich auf ein winziges mittelalterliches Städtchen oder einen wunderschönen Ausblick in die Landschaft, der den Touristen entging und nirgends erwähnt war. Heute möchte ich Ihnen gern ein paar Zeilen über die Stadt San Gimignano schreiben, die ein häufiges Touristenziel ist.

Die Stadt ist vor allem für ihre fünfzehn Türme bekannt, die bis in die Gegenwart erhalten geblieben sind, und ihre Geschichte reicht bis ins 4. Jahrhundert v. Chr. zurück, in dem hier eine etruskische Siedlung gegründet wurde. Ihre grundlegende Prosperität wurde erst im 12. Jahrhundert verzeichnet, als es (dank des Anbaus von Wein und Safran und auch dank einer wichtigen Wegkreuzung der Straßen von Pisa, Siena und Genua) zu einem großen Aufschwung der Stadt kam. Um ihr Vermögen unter Beweis zu stellen, beschlossen die wohlhabenden ortsansässigen Familien, eben jene monumentalen Türme zu bauen. Im 14. Jahrhundert standen hier unglaubliche 72. Eine besonders reiche Familie hatte sogar zwei und es galt die Regel, dass, wenn ihre Mitglieder ihren Turm abrissen, es ihre Pflicht war, einen neuen zu bauen. Schon bei der Anfahrt war ich vom Anblick der Silhouette der Stadt fasziniert. Als würden sich aus der mittelalterlichen Bebauung irgendwelche uralten Wolkenkratzer auftürmen. Über die Bedeutung und Einzigartigkeit des Ortes spricht auch die Tatsache, dass er im Jahr 1990 in die Liste des UNESCO-Weltkulturerbes eingetragen wurde.

Das Panorama der Stadt ist wirklich fotogen, sodass ich zunächst mit dem Auto rundherum fuhr und einen Ort suchte, von dem der Blick möglichst gut wäre. Die resultierende Fotografie, die ich über einen der vielen Weinberge machte, fängt wohl alles Wesentliche ein. Und die Stadt selbst? Wäre ich hier in der Hauptsaison hergekommen, würde ich mich mit einer großen Menge Touristen drängen. Aber früh am Morgen, an einem gewöhnlichen Herbsttag, hatte ich die Stadt fast für mich allein. Dank der hohen Bauwerke genoss ich das besondere Licht, das im Zentrum herrscht und geradezu zum Fotografieren einlädt. Die langen Schatten der Türme wechselten sich mit greller Sonne auf dem Hof ab und die mittelalterliche Architektur ergänzten einige ältere ortsansässige Herren, die hier beim Morgenkaffee saßen.

Lange hielt ich es aus, durch die Stadt zu spazieren oder nur auf den Stufen des Hauptplatzes zu sitzen und diesen höchst eigentümlichen Ort zu betrachten, wo die Zeit gleichsam stehengeblieben ist. Beim Umherstreifen entdeckte ich hier und da einen schönen Ausblick in die Landschaft, eine schöne alte Tür oder irgendeine alltägliche Szenerie, die ich einfach nicht nicht fotografieren kann. Die hohen Türme waren allgegenwärtig und immer wieder eröffneten sich mir neue und neue Blicke auf sie. Ich würde hier wohl noch sehr lange umherstreifen, aber von der Karte riefen mir schon so viele weitere Orte in der Umgebung zu, dass ich abfahren musste. Und über die anderen Schönheiten der Toskana schreibe ich Ihnen wieder einmal ein andermal.

Tipp 1.: Wohl wie überall und ich habe es schon oft geschrieben: Auch San Gimignano besucht man am besten außerhalb der Saison und an einem Wochentag. Ich denke, der Frühling, wenn alles frisch grün ist, oder der Herbst, wenn der Wein reift, sind ideal.

Tipp 2.: Opfern Sie etwas Zeit dafür, in der Umgebung eine kleine Straße oder einen Weg zu finden, von wo aus ein schöner Blick auf die Türme von San Gimignano ist.

Ausrüstung.: Die Stadt wurde im Mittelalter erbaut und ist deshalb stellenweise sehr beengt. Sie werden also ein sehr weitwinkliges Objektiv brauchen, aber auch ein Teleobjektiv zum Fotografieren der Stadt aus der Ferne. Wenn Sie Erfahrung mit einem Panoramakopf haben, würde ich auch ihn in Erwägung ziehen, denn mancherorts war selbst das Weitwinkelobjektiv zu wenig.